Beschreibung
PHILIPP die Maus Ausgabe 10/2026
Liebe Eltern, liebe PHILIPP-Freunde,
in Alberto Manguels „Eine Geschichte des Lesens“ fand ich ein bemerkenswertes Zitat, dessen Autor die seinerzeitige Bildungsdiskussion so zusammenfasst: „Einige meinen, dass Kinder nicht vor dem siebten Lebensjahr lesen lernen sollten, da erst dies das Alter sei, in dem sie Nutzen aus dem Unterricht ziehen und die Anstrengungen des Lernens ertragen könnten. Jene aber, die meinen, dass der Geist eines Kindes nicht einen Moment lang brachliegen sollte, sind weiser. Chrysippos zum Beispiel hält … die Entwicklung des kindlichen Geistes prinzipiell für einen Teil der (erzieherischen) Pflichten. Warum sollten kleine Kinder, wenn sie moralischer Unterweisung zugänglich sind, nicht auch zu literarischer Erziehung taugen?“
Dies schrieb im 1. Jahrhundert n. Chr. Quintilian, ein führender Pädagoge im Kaiserhaus des Domitian; der von ihm zitierte stoische Moralphilosoph Chrysippos hatte 300 Jahre zuvor in Athen gelehrt. Beeindruckend an diesem 2000 Jahre alten Plädoyer für frühkindliche Bildung ist auch ein zweiter Aspekt. Für die antiken Bildungsexperten war es offenbar selbstverständlich, dass schon kleine Kinder (ab drei Jahren, sagt Chrysippos) moralisch unterwiesen werden sollten. Die Pflicht zur frühkindlichen Wertevermittlung setzten sie voraus; diskutiert – und bejaht – wurde lediglich, ob die Kinder in diesem Alter nicht auch schon ans Lesen herangeführt werden sollten.